• Gerd Neubauer

Vom Abschiednehmen, Loslassen und Behalten. 🤲🐞


Leben ist Veränderung. Es gibt keine Möglichkeit, Veränderungen abzuwenden oder zu verhindern. Das Leben bringt naturgemäß mehr oder weniger schwierig zu bewältigende Situationen und Herausforderungen mit sich. Viele dieser Stationen unseres Lebens sind mit Abschieden verbunden. Wir alle erfahren schon sehr früh, dass Abschiede zum Leben gehören und doch bemerken wir: Abschied ist nicht gleich Abschied, denn er fällt unterschiedlich schwer. Und er fällt uns besonders dann sehr schwer, wenn wir etwas verlieren, das uns so wichtig ist und das wir so sehr lieben. Und wie schwierig er tatsächlich ist, hängt weiter davon ab, ob der Abschied vorübergehend oder doch endgültig ist. Abschiede können sich so schwierig gestalten, dass es sich anfühlt, als hätte man uns den Boden unter den Füßen buchstäblich weggerissen. Sie werfen uns manchmal vollkommen aus der Bahn und prägen bzw. verändern meist unser Leben nachhaltig.


In meiner Tätigkeit als psychologischer Berater und Begleiter mit dem Spezialgebiet „Krise, Verlust, Sterben, Tod und Trauer“ begegne ich solchen existenziellen Abschieden häufig, wie zum Beispiel als eine Art (vorübergehender) Abschied von der Gesundheit durch die Diagnose einer körperlichen Erkrankung oder aber auch in meiner Hospizarbeit mit schwerstkranken Menschen im Leben vor ihrem Sterben und deren Angehörigen etc. Was folgt, ist meist ein langer Weg der Trauer voller Hoffnung, dessen Sinn auch im Suchen und Finden eines anderen Lebens ohne den Verlorenen liegt. Ein mit Kampf und in vielerlei Hinsicht Anstrengung verbundener Weg, der auch dazu dient, die Welt neu zu ordnen, womöglich einen anderen bzw. neuen Sinn und seinen besonderen Platz im Leben wiederzufinden. Ein sehr anspruchsvoller Weg, der demnach natürlich auch irgendwann wieder verlassen werden darf, weil man es geschafft hat, entweder sein Ziel zu erreichen oder einfach nur die Zeit gut zu durch- bzw. überstehen, aber auch in mancher Situation gelernt hat, mit diesem schmerzlichen Verlust zu leben, wie zum Beispiel auch nach dem Tod eines geliebten Menschen.


„Im großen Garten meines Herzens gibt es keinen Abschied. Dort begegnen wir uns immer wieder.“
(Gerd Neubauer)

Auf dem Weg der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen begegnet uns immer wieder der gut gemeinte Ratschlag „Du musst jetzt loslassen!“. Dieser Tipp verursacht im Trauernden aber meist nichts anderes als Druck und wirft zu den vielen Fragen, die ihn bereits beschäftigen, wahrscheinlich noch mehr Fragen auf: Was bedeutet loslassen eigentlich? Was verliere ich damit? Bedeutet das etwa, alles zu vergessen oder nicht mehr an sie oder ihn zu denken? Wie kann loslassen überhaupt funktionieren? Und wenn es dann nicht klappt, fragt man sich etwa: Bin ich denn nicht fähig dazu?


Ehrlich gesagt weiß nicht wirklich, wie loslassen in diesem Zusammenhang funktionieren soll, da zudem meist jeder etwas anderes darunter versteht. Ich selbst versuche und empfehle es meinen Klientinnen und Klienten erst gar nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Trauernde mit dem Tod den Körper, die Hand und noch mehr des geliebten Menschen schon gehenlassen, freilassen oder ziehenlassen mussten und dass dies mit unsagbarem Schmerz sowie einem unbeschreiblichen Hin- und Hergerissensein verbunden sein kann. Genau das habe ich auch versucht, in meinem Liedtext „An deim Bett“ (Melodie fehlt noch) zu vermitteln.


Und so stellen sich für mich im Hinblick auf ein späteres lebenswertes und liebenswertes Leben ohne den geliebten Menschen zwei zentrale Fragen, denen ich mich mit Klientinnen und Klienten widme. Jene zwei Fragen, die den Fokus auf das viel bedeutendere Behalten und die Zukunft richten:


Was darf und soll von dem geliebten Menschen bleiben?

Was von ihm soll mich in welcher Weise weiterhin begleiten, sodass der verstorbene, geliebte Mensch ein Begleiter in einer anderen Form auf meinem weiteren Lebensweg wird und bleibt?


So ist es unsere Aufgabe, uns genau darüber bewusst und sicher zu werden, denn dann sind wir auch bereit dazu, höchstens die schmerzhafte Trauer zur richtigen Zeit loszulassen, oder bessergesagt den schmerzhaften Trauerweg irgendwann zu verlassen, um Erinnerungen vor allem als liebevoll wärmend zu erleben und dankbar über die gemeinsame Zeit zu sein. Aber wir müssen nicht das loslassen, was wir schon längst in unserem Herzen geborgen halten – und das für immer.





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